Pascow

Pascow Interview und Bandportrait zusammen mit dem Autor Dirk Bernemann

Musik

Zusammen mit dem Autor Dirk Bernemann war ich auf dem Angst macht keinen Lärm Festival in Potsdam, wo wir die Gelegenheit hatten ein Interview mit Pascow – eine Band die wir beide seit Jahren sehr schätzen – zu führen und ich im Anschluss zudem, so einige Bilder von ihrem großartigen Auftritt machen konnte.

Der folgende Text nun also von Dirk Bernemann, die Bilder, wie zu erwarten, von mir.

 

Das macht man heute nicht mehr so, aber bei euch ist das egal, ihr scheißt eh auf alles

Angst ist dieser Tage ein großes, fast überragendes Thema. Sie findet überall statt, in allen Gesellschaftsschichten in unterschiedlicher Ausprägung. Und ein Punkrockfestival „Angst macht keinen Lärm“ zu nennen, ist darauf eine gute Antwort. Vielleicht sogar die beste. Am 20.08. fand die 3. Ausgabe dieses Festivals im Waschhaus in Potsdam statt.

Neben den Initiatoren des Festivals Turbostaat und Pascow tummelten sich Love A, Lygo, Freiburg, Gurr, Die Nerven und Düsenjäger im Lineup. „Saugute Bands, smartes Gelände, glückliche Menschen, entspannte Toilettensituation, geiler Waffelstand“, so fasste es jemand, mit dem ich kurz am Getränkestand ins Gespräch kam zusammen. Dann trank er einen Rum-Cola und ich ein Wasser. Verschiedene Prioritäten und friedliche Koexistenz, so geht´s.

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Lygo habe ich leider verpasst, aber immerhin von weitem als sehr sympathisch wahrgenommen. Freiburg präsentierten eine montone und gefühlskalte Härte, die mich irgendwie nicht so traf, wie ich mir das auf Platte vorgestellt habe. Love A wiesen eine Agilität und Präzision auf und haben erstmals in meiner Hörweite Freibad gespielt. Die Nerven kredenzten tanzbaren breakigen Kunstrockpop mit Verschrobenheitsfaktor. Der Band Turbostaat wohnt immer so ein überlegene Abgeklärtheit inne, die aber über 1000 Menschen nicht vom Tanzen und Mitbrüllen abhielt. Gurr spielten lässig dahinblubbernden Bubblegumpunk. Bei Düsenjäger lag ein Eskalationswille in der Luft, der mir fast die Tränen in die Augen trieb. Wunderschön.

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Eine Band, mit der ich aus verschiedenen Gründen immer schon gerne mal reden wollte sind Pascow aus Gimbweiler. Heute hatte ich Gelegenheit dazu. Natürlich ist es immer strange, wenn Fans mit den Bands, die sie lieben, kommunizieren, aber es ist ja auch nicht so, dass ich ein unkritischer Idiot bin, der jede Zeile und jeden Akkord der Bands, die sich in sein Herz gefressen haben, kritikimmun abfeiert. Auf improvisierten Europalettensofas ließen wir uns im Backstageraum nieder und unterhielten uns über Rio Reiser, dessen Todestag sich zum 20. Male jährte, popkulturelle Einflüsse, Songwriting und vieles mehr.

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„Also ich kann für mich sagen, musikalisch ist das jetzt nicht so die große Inspirationsquelle, aber textlich schon“, beantwortete Alex die Frage nach Rio Reiser und dessen Wirkung. Wer sich mit den Texten von Pascow eingehend beschäftigt hat, bemerkt natürlich, dass diese nicht einfach so aus einem einflusslosen Universum entstehen, sondern The Smiths, Charles Bukowski, Radiohead und viele andere Künstler darin metaphorisch oder auch relativ direkt zitiert werden. Zitate dieser Art sind Würdigungen. Die zitierte Kunst hat für Alex eine Alltagsrelevanz, über die er sie später, wenn es zum texten kommt, wie von selbst einfließen lässt.

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Auf Deutsch zu texten hätte vieles unverkrampfter gemacht. Allerdings, so stellte Alex fest, wäre es eine Mode, dass neue Bands sich teilweise derart verklausulieren, dass man den Eindruck gewinnen könnte, sie verliefen sich in ihren Texten. Pascows Antwort darauf ist eine spürbare neue Konkretheit, sehr direkt abzulesen am Vergleich der letzten beiden Alben „Alles muss kaputt sein“ und „Diene der Party“. Auf letztgenanntem Album befindet sich der Anti Frei.Wild Song Lettre Noir, der aber ausschließlich im eigenen Lager für Rückmeldungen sorgte, da es ja einen gewissen Schick zu haben schien, Anti-Frei.Wild Lieder zu machen. „Ihr nicht auch noch“, so meinte man wohl. Und obschon man in einer Hochburg von Frei.Wild, Krawallbrüder und Böhse Onkelz lebe, gab es auf dieses Lied keinerlei Rückmeldung von Anhängern dieser Bands. Manchmal ist es vielleicht gut, unterhalb eines gewissen Wahrnehmungsradars unterwegs zu sein. Aber dieses Statement war und ist allemal notwendig, waren sich Ollo, Alex und ich einig.

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Heutzutage gäbe es allerdings, verglichen mit den 80ern eine größere Themenvielfalt, damals hat es laut Ollo vielleicht ausgereicht, „einfach nur links zu sein“, heutzutage, ergänzt Alex sei es für junge Menschen nicht unbedingt einfacher geworden, sich im Leben zu orientieren. Eine gewisse Unverbindlichkeit, die sich teilweise auch in den Texten deutschsprachiger, zeitgenössischer Musik wiederfände, wäre dafür ein gutes Beispiel. Allein mit dem Thema Ernährung füllen ja heute linke Bands ganze Alben. Das wurde in den 80ern von Punkbands einfach nicht thematisiert.

Dass man aus provinziellen Gefilden käme, so war sich die Band einig, hätte bis heute mehr Vor- als Nachteile. Pascow war von Anfang an frei von Vergleichen. Frei von einer gewissen Historie hatte man viel mehr die Chance auf eine individuelle Entwicklung. Bands, die in Berlin oder Hamburg starten, haben ja sofort eine riesige Hürde an lokalen Vergleichsbands, die zu überspringen manchmal hinderlich für das weitere Vorankommen ist. Einen treffenden Satz, den Produzent Kurt Ebelhäuser zum Gitarrensolo auf dem Track Im Raumanzug sagte, zitierte Gitarrist Sven: „Das macht man heute so nicht mehr, aber bei euch geht das klar, ihr scheißt ja eh auf alles.“

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Auch in Zukunft wird es noch einiges von Pascow zu hören und sogar zu sehen geben. Das Anfang Januar angekündigte Dokumentarfilmprojekt Lost Heimweh wird 2017 realisiert. Zwei Filmemacher haben die Band auf einer kleinen Tour in besetzten Häusern und autonomen Jugendzentren begeitet und stellen gleichermaßen die Band, wie auch die von ihnen bespielten Orte vor. Im Zuge dieser Veröffentlichung wird es auch noch mehr Material geben. „Diverse weitere Medien werden parallel zum Film veröffentlicht werden, aber dazu will ich noch nichts sagen“, sagte Alex dazu.

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Pascows Konzerte nehme ich immer wie eine Faust voller Energie und blanken Emotionen wahr, die mir liebevoll in alle empfindsamen Organe gedroschen wird. So auch an diesem Tag in Potsdam. The strongest of the strange, Diene der Party, Lauf, Forrest, lauf, Merkel Jugend, K.O Computer, Mond über Moskau, eine Pascow Setlist ist wie ein Urlaub im Urwald der Intensiveindrücke. 70 Minuten später steht man glücklich irgendwo rum, endlos dankbar für alles, was gerade passiert ist.

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Beim späteren Düsenjäger-Konzert traf ich dann auch Bassist Flo und Ollo im Tanzmob wieder. Totale Euphorie. Gereckte Fäuste. Viele Umarmungen. Fantum as fuck. Textsicher, als würde es um die eigene Biographie gehen. Geht es bei Düsenjäger ja irgendwie auch immer. Anschließend erzählte mir Flo, dass die Musik von Düsenjäger und Pascow ungefähr zeitgleich in sein Leben getreten wäre, und dass das hier auch schon deswegen ein sehr besonderer Abend wäre. Jetzt würde er halt bei Pascow spielen und das wäre doch absolut großartig. Ja, sagte ich, das ist großartig.

Ich verschwand nach einigen Smalltalkeskapaden dann ungesehen Richtung S-Bahn und genoss die Ruhe, die man nur nach Lärmeinfluss wirklich genießen kann. Aber Angst, Angst macht ja keinen Lärm.