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COR Interview und Bandportrait zusammen mit dem Autor Dirk Bernemann

Musik

Mit „Leitkultur“ hat COR eine neue Platte rausgebracht, welche sie am 06.10., im Rahmen einer Release Show, im Kreuzberger SO36 vorstellen sollten. Na wunderbar! Am Abend also zwei, drei Straßen überquert und schon fand ich mich im Backstagebereich des Clubs wieder. Diesmal wieder einmal zusammen mit dem Autor Dirk Bernemann und gemeinsam hatten wir dann auch die Möglichkeit ein Interview mit der Band zu führen und den Abend fotografisch zu begleiten. Bestens und danke dafür!

Der folgende Text demnach nun von Dirk Bernemann, die Bilder, wie zu erwarten, von mir:

 

Komm, wir einigen uns auf Motörhead und Antifaschismus

Draußen Kackwetter, Bindfadenregen und graue Suppe. Oktober ist nicht nur ein Wort, es ist manchmal auch ein Gefühl und da am Vortag ein Orkan names Xavier durch Berlin tobte, ein paar Bäume wegriss und auch ansonsten viel Verwüstung anrichtete, fährt auch die Sbahn nicht und auch der Bus, mit dem ich anreisen will, lässt mich lange warten. Unpünklich und gestresst erscheine ich durchnässt am Ort des Geschehens, verfluche alles und jeden und bin auch ansonsten nicht der Glücklichste.

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COR von der Insel Rügen gastieren an diesem Tag im Kreuzberger SO36 im Rahmen eines Festivals mit dem klangvollen Namen „Pogo Beer and Spiky Hair“, wo unter anderem auch Knochenfabrik, Rastaknast und Heiter bis Wolkig zu Gast sein werden. Ich habe diese Band erst einmal gesehen, im Rahmen des Myfests in Kreuzberg, ich glaube, das war 2013. Aber es gibt immer wieder Freunde, die mir diese Band im Brustton der Überzeugung empfehlen, wieder andere lehnen sie komplett ab. Ich habe COR immer als Band wahrgenommen, die sich nicht aus Gefälligkeit irgendwie positioniert, sondern hart und diskutabel ihr Ding macht, so konfliktbeladen und gesprächsbedarfserzeugend dieser Weg auch ist.

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Im urgemütlichen Backstagebereich verschanzen wir uns vor dem Konzert mit Bassist Matze, Gitarrist Christian und Sänger Friedemann, um mit ihnen über die neue Platte und auch über das Leben als Musiker und Kartoffelbauer zu philosophieren. Schlagzeuger Johannes stösst erst später dazu. Zunächst strahlen alle Beteiligten eine Gelassenheit aus, was sich aber im Verlauf des Gesprächs mehrfach ändert.

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COR legen ja mächtig Wert darauf, dass alle Prozesse, vom Aufnehmen bis zur Auslieferung einer Platte DIYmäßig durchgezogen werden. „Natürlich haben wir Bock als Band größer zu werden, aber nicht um jeden Preis“, meinte Friedemann und redete dann ein paar Minuten über Menschen, die es nicht drauf haben, Amazon als das große Übel der Kulturindustrie anzuerkennen. „Bei uns ist das so, dass wir nicht mit der Industrie zusammenarbeiten, sondern alles ist DIY, was aber schwierig ist, weil die Leute dazu einfach nicht bereit sind.“ Zuviele sehen immer noch Amazon als ultimative Kulturguterwerbsplattform, aber Friedemann hasst das, nicht nur wegen finanziellen Aspekten, sondern vor allem wegen dieser Monopolstellung. „Kauft bei den Bands selber, das ist für alle besser“, sagt der Sänger dazu.

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Ansgesprochen auf die pazifistische Haltung in den Texten meint Friedemann, dass er schon scheiße wütend sei, aber was sei denn die Alternative? „Ich persönlich verachte nicht die da oben, weils die da oben nicht sind, wir sinds.“ Friedemann setzt zu einem Monolog an, wird lauter, gestikuliert viel und filegran, bleibt aber immer mit seinen irrwitzigen Augen an einem hängen. „Die Alternative wäre, wenn mir deine Schnauze nicht gefällt, dass ich dich jetzt totschlage. Das ist Quatsch und wir alle wissen das. Die Grundlage unserer Subkultur ist doch Frieden. Ich lache immer über Bands die ihren Alben so gewalt- und kriegsbetonte Titel geben. Mit denen würde ich mich gerne mal an einen Tisch setzen, das sind Stundenten, die haben eine ärztliche Grundversorgung und ich will von denen wissen, ob sie das wirklich wollen? Wollen sie Krieg?“ Friedemann redete sich ohne Pause in Rage. Seine Bandkollegen schweigen größtenteils.

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„Klar habe ich Wut und mir steht es bis hier oben. Wir Hanseln, die hier sitzen. Wir ernähren uns parasitär von irgendwelchen Völkern in Afrika, aber das wollen wir gar nicht wissen. Wir wollen es nur billig abgreifen und uns daran ergötzen und uns egoistisch fett machen.“ Seine Worte wirken wohl überlegt und trotzdem formlos, gänzlich frei von Agenden oder ideologischen Strömungen. Und er springt von Thema zu Thema, wie eine Flipperkugel, die man losschießt und alle gesellschaftlich und sozial relevanten Bereiche touchiert. „Auch mal akzeptieren, dass ein Leben zuende geht, biologischer Kreislauf und so. Man kommt, man ist, man geht. Weg vom Egoismus. Und da fragt man sich als Punkrocker auch zuweilen: Sind CD´s und LP´s noch zeitgemäß? Entsteht da nicht auch unnützer Müll und Dreck? Das ist so ein Widerspruch bei uns. Verzichte ich auf Platten, tut mir das weh, aber ist der Schritt nicht größer, nicht wahrhaftiger, nicht vollkommener, auch diesen Konsum wegzulassen? Dann ein Fitzelchen Gutes für unser aller Umwelt getan zu haben? Raus aus der scheiß Bequemlichkeit.“ Die Augen des Sängers, der zwischendurch an seiner Wasserflasche nuckelt, glänzen wie die Sehschlitze eines angriffslustigen Rottweilers. „Platten sind Luxus, warum fällt uns Verzichten so schwer?“ Alle Anwesenden nicken ergriffen. Friedemann hat keine große Rhetorik, aber sein Sprachstil ist direkt und einnehmend, es kommt sogar vor, dass er Fragen beantwortet, bevor ich imstande bin, sie ihm zu stellen.

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Kürzlich haben COR ein Video zu dem Song „Das schöne Leben“ veröffenntlicht. Inhaltlich beschäftigen sich Song und Clip mit offensichtlicher und vor allem offensiver Kapitalismuskritik. Auf die Frage, welche Strategie einem helfen könne, um in diesem System glücklich zu sein, grinst Friedemann ein Ganzgesichtsgrinsen. „Ich bin glücklich!“ Um dann so gleich wieder direkt zu werden. „Bist du satt, hast du ne Wohnung, bist du krankenversichert, will dich jemand erschießen, weil du doof aussiehst, darfst du sagen Angela Merkel is ne dumme Fotze?“ Er hält nicht inne, argumentiert sofort weiter, man sieht, wie es in ihm lodert. „Du kannst dir einfach ein Tshirt kaufen, da steht drauf Niemand muss Bulle sein. Und das kannst du dann feiern. Aber wo ist dann die Idee, die danach kommt?“ Er hätte sich lange geschämt, einfach nur Dinge zu singen, die vom besseren Leben handeln, aber so machtlos gewesen zu sein. „Aber jetzt haben wir ein Pflegekind. Wir geben einem Kind die Chance, besser zu starten. Weißt du, dass ist auch Frieden.“

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Sein unaufhaltsamer Wortschwall ergießt sich weiter. Ich weiß zu dem Zeitpunkt nicht, wie ich seine Bandkollegen mit ins Boot holen soll, oder ob das, was der Sänger sagt, einfach Konsens bei COR ist. Der an allen freigelegten Körperstellen sichtlich tattoowierte Friedemann schlägt vor: „… einfach mal das Geld und die Zeit, die man beim Tattoowieren sitzt in eine gute Sache stecken, zum Beispiel einfach mal an der Ostsee Müll sammeln, überleg mal, wie die Welt aussehen würde, wenn das jeder mal einen Tag im Jahr täte?“ Die Frage bleibt im Raum hängen und ich stelle mir saubere Strände vor, die anderntags wieder von Badetouristen ruiniert werden. Aber ja, das Ziel ist klar, der Weg weit und hart. Mir fallen Adjektive wie nah, direkt und kräftig, aber auch widersprüchlich und schwierig ein.

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Musikalisch könne man sich auf Motörhead einigen, das würden alle in der Band mögen, aber auch die ganzen Metalklassiker wie Slayer, Kreator und Sodom. Poetisch, meint Friedemann, wären ganz klar auch Reinhard Mey oder Udo Lindenberg, also eher untypische Vorbilder für Musiker im Fachbereich aggressiver Punkrock, die aber auch nicht minderen Einfluss auf das musikalische und textliche Wirken der Band haben.

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Das 70minütige Konzert beginnt um kurz vor 22 Uhr. Wie ein grooviger Panzer, so zertanzt COR alles, was in ihrem Umkreis zertanzbar ist. Das besondere an dieser Show: Wo ein Lied aufhört und im konzertbetrieblichen Normalfall eigentich Applaus hingehört, da redet Friedemann einfach weiter, mal emotional, mal aggitativ, immer aber sehr deutlich. Keine Ruhe, keine Stille. Die Band knattert sich durch ihren Set. Eine Mischung aus alten und neuen Songs mit eben jenen Ansagen, die in Friedemann wohl immer brennen. Konsumverzicht, die Zurücknahme des eigenen Egos, westeuropäisches parasitäres Verhalten, das Vermeiden des eigenen Glücks mit selbstgemachten Problemen. Der Set von COR wirkt wie eine emotionale Achterbahnfahrt durch die Abgründe der postmodernen Menschheit. Aber immer mit einem guten Gefühl in der Hinterhand.

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„Ich geb mich meinen Träumen vom Menschsein einfach hin“, singt Friedemann in „Das schöne Leben“ und auf die Frage, ob das denn so einfach ist, bekomme ich nur ein kerniges „Ja“ zur Antwort.“ Er habe mit seiner Frau ein Stück Land auf Rügen gekauft, wo er jetzt Rinder hält und Kartoffeln züchtet. „Das ist harte Arbeit, aber du bist unabhängig und darum gehts.“ Wir philosophieren über Kartoffeln. Ich bin dagegen. Also nicht gegen die Unabhängigkeit, die durch eigenen Anbau entsteht, sondern Kartoffeln sind generell nicht Bestandteil meines Speiseplans.

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Das Leben, so Friedemann, habe ihn gelehrt, dass kein Ismus wirklich auf Dauer haltbar sei, als junger Mann habe man das Recht zu sagen, man schlüge jetzt alles kaputt, aber wenn mit dem Alter Spuren von Weisheit in den Kopf Einzug hielten, soll man das definitiv in Frage stellen. Es fallen Wörter wie Tellerrand und ein paar weitere Klischees, aber letztendlich merkt man ihm die Ernsthaftigkeit seines Vortrags an. Wichtig sei ihm auch, „dass man irgendwann erkennt, dass Gewalt nichts bringt, randaliere halt rum, hau Bullen auf die Schnauze, schmeiß Steine in Geschäfte, aber was hast du am Ende des Tages erreicht?“ Die Frage hängt im Raum wie böser Nebel. Wie klug ist es wirklich, seiner Unzufriedenheit durch Gewalt Ausdruck zu verleihen? Statt den gewaltbereiten G20 Protesten in Hamburg hätte Friedemann gewünscht, sich einfach für eine Woche an der Ostsee zu treffen, weit weg von der Konfliktbeladenheit, die in Hamburg präsentiert wurde. „Wir hätten eine Woche kein Redbull gekauft, keine Coca Cola, keine Zigaretten, nicht getankt. Verzichten ist das Wirksamste heutzutage. Mach halt irgendwas mit deinen Kumpels, was kein Geld kostet. Dann fühlt sich Verzicht gar nicht wie Verzicht an.“

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Nach dem Konzert hängen COR im Backstage rum, es werden viele liebe Worte, aber auch Kritik an der musikalischen Darbietung Einzelner ausgetauscht, alle wirken sichtlich erleichtert, alle haben sich lieb. Friedemann holt sich einen Teller mit Kartoffelpüree. Er hat eine kleine blutende Wunde der Stirn, die unbemerkt vor sich hinsuppt. „Punkrock muss weh tun“, sagt er leise, fast ein bisschen für sich, aber immerhin zu mir.

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Als man sich dann verabschiedet, ist man schlußendlich so voller Eindrücke und offener Fragen bezüglich seiner eigenen Sichtweise von richtig und falsch. Tellerrand ist abgebrannt. Komm, wir einigen und auf Motörhead und Antifaschismus und die Welt wird ein guter Ort. Hoffen kann man immer, aber in der Hoffnung verharren und Hoffnung als Maxime vor sich herschieben, wird ja nie was verändern. Taten sprechen mehr als Worte. Dieses Gespräch und dieses Konzert hatte definitiv gute Taten als Ursprung. Isso.

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